Zum Hauptinhalt springen

Österreichischer Bob- und Skeletonverband

Eduard-Bodem-Gasse 6 / 3. OG
A-6020 Innsbruck

Mensch. Marke. Ikone: Janine Flock erklärt was hinter dem Erfolg steckt

Mensch. Marke. Ikone: Janine Flock erklärt was hinter dem Erfolg steckt

Innsbruck, 

07. Oktober 2026
Was bleibt von einer Olympiasiegerin, wenn man Medaille, Helm und Schlitten wegnimmt? Beim Dialogabend „Mensch. Marke. Ikone“ im BTV Stadtforum Innsbruck sprach Janine Flock mit Kommunikationstrainerin Renate Sandler über Fokus und Ängste, Rückschläge und Vertrauen – und darüber, warum eine starke Marke vor allem eines braucht: einen Menschen, der sich nicht verstellt.

„Ikone ist ein sehr starkes Wort und ehrlich gesagt noch irgendwie ganz weit weg.“ Janine Flock muss nicht lange überlegen, als Renate Sandler sie mit dem Titel der Ausstellung „ICONS“ konfrontiert. Dass sie selbst Teil dieser Ausstellung ist, bedeutet ihr viel. Und trotzdem sieht sie sich zuerst ganz anders: „Ich bin eben der Mensch, die Athletin.“

Genau um diesen Menschen hinter der Olympiasiegerin ging es beim gemeinsamen Dialogabend am 6. Oktober im BTV Stadtforum Innsbruck. Um jene Seiten, die verborgen bleiben, wenn Hundertstelsekunden, Medaillen und Ergebnisse das öffentliche Bild bestimmen.

Zwischen Freigeist und totalem Fokus

Da ist etwa der Gegensatz zwischen der Athletin und dem Privatmenschen. Im Sport arbeitet Flock hochpräzise, strukturiert und kontrolliert. Abseits davon beschreibt sie sich als „total freiheitsliebenden Menschen“, der Spontanität und die Natur liebt und auch einmal ohne Plan in den Tag hineinlebt.

Sobald ein Rennen näher rückt, ändert sich das. Dann beginnt ihre Zone. Seit fast 20 Jahren führt Flock handschriftliche Trainingsbücher. Vor jedem Training und Wettkampf notiert sie einen Satz, der ihre technischen Schwerpunkte und Schlüsselwörter für den jeweiligen Tag enthält. Das Ende bleibt gleich: „Alles wird zu einem Fluss. Genießen und Spaß haben.“

Auch die letzten Minuten vor dem Start folgen festen Abläufen. Tasche auspacken, alles an seinen Platz, Rennanzug, Kapuze, Handschuhe. 60 Sekunden vor dem Start beginnt der Countdown des Trainers. Jeder Handgriff sitzt.

„Jeder Schritt ist bewusst gesetzt, bis ich zum Start gehe“, erzählt Flock. Gleichzeitig trainiert sie genau das Gegenteil: bereit zu sein, wenn etwas nicht nach Plan läuft. „Man macht sich auch über Situationen Gedanken, die eintreten könnten, damit ich einfach eine robuste Athletin bin und mich von nichts mehr rausbringen lasse.“

Als Pyeongchang plötzlich wieder da war

Wie wertvoll diese mentale Arbeit ist, zeigte sich beim größten Rennen ihrer Karriere. 14. Februar 2026, Eiskanal Cortina. Vor dem entscheidenden vierten Olympia-Lauf waren plötzlich die Bilder von 2018 wieder da. Damals hatte Flock als Führende vor dem letzten Lauf eine Medaille um zwei Hundertstelsekunden verpasst und war Vierte geworden.

Diesmal versuchte sie nicht, diese Erinnerung wegzudrängen. „Es war okay, dass diese Gedanken da sind, weil das ein Teil von mir ist. Ich muss nicht etwas krampfhaft auf die Seite schieben oder versuchen auszublenden, wenn es Teil von mir und meiner Geschichte ist.“

Stattdessen erlebte sie ihre Olympia-Läufe in einer für sie außergewöhnlichen Klarheit: „Ich war einfach voll in meiner Präsenz.“

Heute würde sie ihrem jüngeren Ich von 2018 deshalb sagen, dass es „okay ist“, was damals passiert ist. „Wir waren noch nicht bereit dafür.“ Die Erfahrungen von damals seien notwendig gewesen für alles, was danach kam.

Mentale Stärke bedeutet für Flock daher nicht, keine Zweifel oder Ängste zu haben. „Mentale Stärke ist wirklich Übung und man kann das jeden Tag üben.“ Rückschläge gehören für sie inzwischen zum Gesamtbild: „Die haben mich geprägt und die sind ein Teil von meinem gesamten Prozess.“

Die Steine auf dem Tisch

Dass Leistung für Flock weit über die eigene Performance hinausgeht, zeigt eine Geschichte aus ihrem Olympia-Team. Als einzige Frau war sie bei den Spielen von einem ausschließlich männlichen Betreuerteam umgeben. Schon Monate davor arbeitete die Gruppe gezielt an ihrer Kommunikation.

Bei einem Teambuilding in Cortina nahm jedes Teammitglied einen Stein vom Berg mit. Daraus entstand eine einfache Idee: Wenn jemanden etwas belastete, sollte der Stein auf den Tisch gelegt werden. Ohne lange Vorrede. Er wurde zur „Kommunikationsbrücke“.

„Wenn irgendwo der Schuh drückt oder jemand etwas hat, über das er nicht reden will, dann nehmen wir einfach den Stein, legen ihn auf den Tisch und fangen an zu reden.“

Es ging um Ängste, Frust, Unsicherheiten – Themen, die auch im Hochleistungssport ihren Platz haben. Für Flock war diese Offenheit ein Teil des späteren Erfolgs. „Schlussendlich steht und fällt der Erfolg mit dem Team.“

Erst der Mensch, dann die Marke

Damit führte der Abend zur Frage, wie aus einer erfolgreichen Sportlerin eigentlich eine Personenmarke wird. Flocks Antwort fällt überraschend unspektakulär aus: gar nicht bewusst. „Es war zuerst der Mensch da, dann die Athletin.“ Erst durch ihre Entwicklung, Wegbegleiter, Familie, Sponsoren und all die positiven wie negativen Erfahrungen sei über Jahre etwas entstanden, das heute als „Personal Brand“ wahrgenommen werde.

Entscheidend ist für sie, dass zwischen öffentlicher und privater Janine Flock kein künstlicher Bruch entsteht. „Ich will mich als Mensch einfach nicht verstellen müssen.“ Herzlichkeit und kompromisslose Leistungsorientierung schließen einander für sie nicht aus. Diese Erkenntnis musste wachsen. Früher habe sie versucht, sich an anderen erfolgreichen Athletinnen zu orientieren. Heute ist ihr wichtiger, die eigenen Werte zu leben: „Ich bin mit mir im Reinen.“

Was von Janine Flock bleiben soll

Und die Ikone? Auch die könne man nicht planen, glaubt Flock. „Eine Ikone, das kann man nicht anstreben. Das ist nicht etwas, was man sich als Ziel setzt.“ Man könne nur mit voller Überzeugung tun, was man liebt. Was andere Menschen darin sehen und ob daraus irgendwann ein ikonischer Moment entsteht, sei Außenwirkung.

Vielleicht beantwortete deshalb die letzte Frage des Abends am besten, was hinter „Mensch. Marke. Ikone“ steckt. Was soll von Janine Flock bleiben, wenn irgendwann nicht mehr Medaillen, Schlitten und Helm im Mittelpunkt stehen?

„Es wäre schön, wenn einfach eine Frau in Erinnerung bleibt, die vielleicht inspiriert hat, die andere ermutigt hat, vielleicht auch im Sport etwas verändern hat können.“ Eine Olympiasiegerin also. Aber vor allem: „Ein Mensch, der inspiriert hat.“
Unterstützt von: